Die Geschichte der Weltausstellungen

Die Weltausstellung 1862 in London
Ein Gang durch den Ausstellungspalast


Jahr: 1862
Stadt: London
Land: GroĂźbritannien
Dauer: 1. Mai - 1. November 1862
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Copyright: Illustrierter Katalog, Leipzig 1864, Bd. 2, S. 181
Konzept

Auch nach der Eröffnung waren - wie bei den meisten Weltausstellungen - noch längst nicht alle Bauarbeiten abgeschlossen und längst nicht alle Exponate an ihrem Platz. Die königlichen Kommissare hatten den Ausstellern zunächst freie Hand bei der Gestaltung des ihnen zugewiesenen Raumes gelassen. Als aber die Zeitungen die teilweise monströsen Einbauten massiv kritisierten, mussten die Kommissare auf eigene Kosten für den Rückbau sorgen. Nicht mehr beseitigt werden konnte eine Mauer, die die Franzosen errichtet hatten, um sich vom Hauptschiff abzusondern und mehr Ausstellungsfläche zu gewinnen. Sie wurde zum Symbol für den Wettstreit der Industrienationen um die Herrschaft auf den Weltmärkten.

Ein Klassifizierungssystem für die Anordnung der Exponate gab es nicht, und auch die dickleibigen, durch Werbeanzeigen aufgeblähten Kataloge halfen nicht weiter, da sie ebenfalls keinen nachvollziehbaren Ordnungskriterien folgten. Im westlichen Teil des Hauptschiffs waren die ausländischen Aussteller versammelt, doch wurden die Anordnung der Nationen immer wieder durch gemischte Präsentationen von Kunsthandwerk, Schmuck und Skulpturen unterbrochen. Im westlichen Querschiff hatten die Exponate aus Österreich und Deutschland ihren Platz. Da kaum Geld für ein elegantes Arrangement der Produkte vorhanden war, mussten die Waren allein durch ihre Qualität überzeugen. Vielen Kritikern erschien die deutsche Abteilung als „ärmlich“. Die Briten dagegen scheuten sich nicht, die im Krieg gegen China (1856-1858) bei der Plünderung der kaiserlichen Paläste erbeuteten Kunstwerke und Schmuckstücke zu präsentieren.

Die Kolonien der europäischen Länder wurden auf ihre Rolle als Rohstofflieferanten reduziert vorgeführt - Fertigprodukte wurden nicht gezeigt, stattdessen kunstvolle Arrangements exotischer Früchte. Indische und australische Künstler durften ihre Werke nicht in der Kunstausstellung präsentieren, sondern in den Abteilungen der Kolonien.

Die Kunstausstellung selbst war nach dem Muster der Pariser Weltausstellung von 1855 zur Industrieschau hinzugekommen. Mit 350 Metern Länge erreichte die Gemäldegalerie im Hauptgebäude - wie die einheimische Presse lobend hervorhob - die Länge der Grande Galerie im Pariser Louvre. Oberlichter und Shed-Dächer sorgten für die blendfreie Beleuchtung der Bilder, die nach nationalen Schulen gehängt worden waren. Nach dem Willen der Kommission sollte so der Beitrag einer jeden Nation "zum Fortschritt der Künste und zu ihrem gegenwärtigen Zustand" deutlich gemacht werden. Die Nationen durften sich jeweils einen „Gründervater“ für ihre künstlerischen Traditionen auswählen und dessen Einfluß bis in die Gegenwart demonstrieren. In der britischen Abteilung wurde diese Rolle dem mit 33 Gemälden vertretenen William Hogarth sowie Joshua Reynolds und Thomas Gainsborough zugewiesen. Von ihnen ließ sich eine Linie bis zu Constable, Wilkie und den Präraffaeliten ziehen.

In den seitlichen Anbauten des Ausstellungsgebäudes wurde den Besuchern dagegen „Maschinenkultur pur“ geboten. Bis zu 35 Tonnen schwere Exponate waren dort aufgestellt – bei der Weltausstellung 1851 hatte die schwerste Maschine neun Tonnen gewogen. Groß herausgebracht wurde auf der Ausstellung das Bessemer-Verfahren, das der Stahlindustrie gerade einen enormen Innovationsschub bescherte. Henry Bessemers bereits patentierter Entdeckung ermöglichte es, Stahl schneller und in größeren Mengen zu produzieren. Friedrich Krupp in Essen hatte den ersten Bessemer-Ofen allerdings bereits wenige Wochen zuvor aufgestellt.

Alle Exponate wurden von einer Expertenkommission bewertet. Bereits am 11. Juli hatte die 600-köpfige Jury ihre Arbeit beendet. In den Gärten war eine provisorische Tribüne errichtet worden, auf der Earl Granville die Preise an die Aussteller verlieh. Praktischen Nutzen aus der Weltausstellung zog das breite Publikum: Erfindungen wie die Nähmaschine oder die mechanische Waschmaschine hielten bald danach Einzug in die begüterten Haushalte.



EXPOSEEUM - Das Weltausstellungsmuseum, Hannover, Expo Plaza 11
Geöffnet jeden Sonntag von 11 bis 16 Uhr